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Ein Gewerkschafter seit 70 Jahren dabei

IG Metall ehrte 92 Jubilare in Aschaffenburg für langjährige Mitgliedschaften

Am Samstag, 18.11.2017, ehrte die IG Metall Aschaffenburg in ihrer Jubilar Ehrung insgesamt 92 anwesende langjährige Mitglieder aus den Regionen Aschaffenburg, Miltenberg und Alzenau.
Für 70-jährige Mitgliedschaft in der IG Metall wurde Otmar Hock, Großostheim, geehrt.

Birgit Adam, Zweite Bevollmächtigte der IG Metall Aschaffenburg, gratulierte und würdigte im Namen des Ortsvorstands und dem Team der Geschäftsstelle 20 weitere Kolleginnen und Kollegen für sechzigjährige Mitgliedschaft, 8 Kolleginnen und Kollegen für fünfzigjährige Mitgliedschaft, 45 Kolleginnen und Kollegen für vierzigjährige Mitgliedschaft und 18 Kolleginnen und Kollegen für ihre fünfundzwanzigjährige Mitgliedschaft. In ihrer Ansprache nahm sie Bezug zur aktuellen Tarifrunde und erinnerte an die Auseinandersetzungen Anfang der 80er Jahre, als es auch um die Arbeitszeit ging. „Viele von Euch haben an diesen Arbeitskämpfen teilgenommen, Viele können sich erinnern. Lasst uns teilhaben daran und lasst uns gemeinsam auch diese Tarifrunde gestalten, mit dem gleichen Engagement und mit der gleichen Kraft.“

Insgesamt zeichnete die IG Metall Aschaffenburg in ihrer gesamten Geschäftsstelle in diesem Jahr 432 Kolleginnen und Kollegen für langjährige Mitgliedschaft ab 25 Jahre aus.

Zur Festsprache und Ehrung der anwesenden Jubilare kam Irene Schulz, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall aus Frankfurt. Sie fasste die Würdigung zusammen: „Gerade unsere älteren Kolleginnen und Kollegen blicken auf ein Leben zurück, das neben Angenehmen auch Turbulenzen und politische Stürme aufzuweisen hat. Alle habt Ihr viele Jahre Euren Beitrag dazu geleistet, dass das Band der Solidarität nie gerissen und die IG Metall eine handlungs- und durchsetzungsfähige Organisation geblieben ist.“

Die Laudatio begann mit einem Streifzug durch die Geschichte. Dieser begann 1947, dem Jahr, als der Jubilar Otmar Hock der IG Metall beigetreten ist, er gehörte damit zur Gründergeneration. Es war als Nachkriegsjahr kein gutes Jahr für die Betriebe und deren Arbeiter und Arbeiterinnen in Deutschland. Der Bundesvorstand des DGB organisierte Demonstrationen mit den Gewerkschaften gegen die willkürliche Abbaupolitik und der absichtlichen Zerstörung friedlicher Produktionskapazitäten von Industrieanlagen.

1957, dem Eintrittsjahr der Mitglieder mit 60jähriger Zugehörigkeit zur IG Metall werden in den Betrieben in der Metall- und Elektrobranche 45 Stunden in der Woche gearbeitet. Hervorzuheben ist der Arbeitskampf der schleswig-holsteinischen Metallarbeiter, einer der wichtigsten Streiks der deutschen Sozialgeschichte, der vom 24. Oktober 1956 bis zum 14. Februar 1957 andauerte. Die Auftragsbestände der Werften hatten im Herbst 1956 einen nie da gewesenen Höchststand erreicht, die Arbeiter forderten Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Der Kampf endete 1957 mit einem Rahmentarifvertrag, der eine Gleichstellung der Arbeiter und Angestellten im Krankheitsfall, einen längeren Urlaub und einer besseren Urlaubsvergütung zum Ergebnis hatte. Wenige Monate später verabschiedete der Bundestag das „Gesetz zur Verbesserung der wirtschaftlichen Sicherung der Arbeiter im Krankheitsfalle“.

1967 war ein Krisenjahr und dieses erreichte im Februar 1967 seinen Höhepunkt. Die Metallindustrie war am härtesten betroffen. Die Produktion sank um 12 Prozent, die Industrieproduktion um insgesamt 6 Prozent und zum ersten Mal seit Kriegsende das reale Sozialprodukt um 2 Prozent. Die Arbeitnehmer mussten Einkommensverluste hinnehmen. Die tariflichen Absicherungen der freiwilligen betrieblichen Sozialleistungen sowie der Effektivverdienste blieben in der Tarifbewegung 1967 hinter den Erwartungen zurück. Die 40-Stunden-Woche war beschlossen und wurde eingeführt.

Im Herbst 1977 begann eine Phase der weltwirtschaftlichen Depression, die alle westlichen Industriestaaten traf. Die Auswirkungen dieser Wirtschaftskrise auf den Arbeitsmarkt wurden durch Strukturprobleme bestimmter Branchen (z.B. Werft-, Stahl- und Textilindustrie) sowie von den Folgen der dritten industriellen Revolution; den Folgen des Vormarsches der Mikroelektronik verschärft. Massenarbeitslosigkeit prägte die 70er und 80er Jahre. Die Gewerkschaften drohten aufgrund der krisenbedingten wachsenden Macht der Unternehmer in die Defensive zu geraten und wehrten sich erfolgreich. Für die MetallerInnen gab es 6,9 Prozent mehr Lohn und Gehalt und die Absicherung eines 13. Monatseinkommens auf 20 bis 50 Prozent, je nach Betriebszugehörigkeit.

1992 hatte eine rückläufige Konjunktur Entlassungen im großen Stil zur Folge. Auch die Staatsfinanzen standen unter Druck. Zur Jahresmitte stieg die Arbeitslosenquote in Deutschland mit mehr als 3 Millionen Arbeitslosen auf 6 Prozent.

Irene Schulz brachte die geschichtliche und gesellschaftliche Entwicklung in ihrer Rede in einen großen Zusammenhang mit den Kräften der organisierten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Die Jubilare und Gäste hörten aufmerksam zu, man konnte förmlich sehen, wie Irene Schulz Bilder der Erinnerung in den Köpfen erzeugte und die Zuhörer quittierten es mit spontanem Zwischenapplaus und anhaltender Würdigung am Ende.

Für die Gegenwart und die Zukunft ging Irene Schulz auf die aktueller Tarifrunde ein. Am 16. November starteten die Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie in Bayern. Die IG Metall fordert auch für die rund 28.000 Beschäftigten am bayerischen Untermain und der Region Lohr eine Anhebung der Entgelte und Ausbildungsvergütungen von 6 Prozent, sowie eine Wahloption bei der Arbeitszeit. Beschäftigte sollen danach ihre Arbeitszeit ohne Begründungszwang auf bis zu 28 Stunden in der Woche für einen Zeitraum von bis zu 24 Monaten reduzieren und anschließend wieder auf ihre frühere Arbeitszeit zurückkehren können. „Wir wollen mehr Selbstbestimmung bei der Arbeitszeit für alle Beschäftigten erreichen. Bisher geht die Flexibilisierung der Arbeitszeit in den Betrieben einseitig zu Lasten der Beschäftigten und zu Gunsten der Arbeitgeber. Das wollen wir ändern. Volle Auftragsbücher und volle Arbeitszeitkonten, Mehrarbeit wo man hinschaut, Zulieferer kommen nicht mehr hinterher und die Beschäftigten gleichen das am Samstag aus; das ist die aktuelle Situation. Aber Flexibilität darf keine Einbahnstraße sein“, fasst Irene Schulz zusammen.

In den Grußworten der Aschaffenburger Bürgermeisterin, Jessica Euler überbrachte sie auch die besten Grüße von Oberbürgermeister Klaus Herzog. Sie ehrte die Jubilare und betonte die Wichtigkeit der Gewerkschaften für den sozialen Ausgleich, die Vertretung der abhängig Beschäftigten und den sozialen Frieden im Land.

Die Jubilare und Gäste feierten bei anschließendem guten Essen und vielen netten Gesprächen.